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Kiezgeschichten | | Der letzte "Bauernhof" in Neubritz |
Als Anfang des 20. Jahrhunderts Melker für den berlin-brandenburgischen Raum gesucht wurden, verließ 1910 Otto Hofmann seine Schweizer Heimat, um dort Arbeit zu suchen. Zunächst fand er auf verschiedenen Gütern Beschäftigung, bis er sich 1932 im Priesterweg 5 eine eigene Existenz aufbauen konnte. Zwei seiner Schwiegertöchter leben dort heute noch und berichteten für "Leben in Neubritz" aus ihren Erinnerungen.
Nach dem zweiten Weltkrieg erneuerten und erweiterten ihre Ehemänner bzw. die Söhne von Otto Hofmann, Karl und Erich, nach und nach das Wohnhaus im Priesterweg und führten den Betrieb fort. Auf dem Grundstück standen bis zu 45 Milchkühe in den Ställen, dazu kamen zeitweise Schweine, Hühner und bis 1949 zwei Pferde. Von Beginn an bis zur Aufgabe der Betriebe 1975/ 76 wurden im Hofladen Milch, Butter, Eier, Weißkäse und Hühner direkt an die Anwohner verkauft. Helga und Erich Hofmann mieteten 1958 zusätzlich in der Kienitzer Straße 58 die Räumlichkeiten eines aufgegebenen Bauernhofs an, wo sie – mitten im dicht bebauten Norden Neuköllns – ihre überwiegend im Priesterweg hergestellten Produkte anboten. Immer wieder stellten die beiden Familien ihre Kühe auf der "Grünen Woche" aus, wo diese so manchen Preis einheimsten. (So ganz glücklich dürften die Ausgezeichneten über die Ehre nicht gewesen sein, da sie nach dem Aufenthalt auf der Messe zum Schlachter mussten, weil so der restliche Viehbestand vor ansteckenden Krankheiten geschützt wurde). |  | | "Eigentlich war der Betrieb gar kein Bauernhof im üblichen Sinn," stellt Frau Helga Hofmann fest, "richtiger wäre es, von einem Melkbetrieb zu sprechen, da wir weder Felder noch Äcker für die Futterproduktion besaßen." Gefüttert wurde Heu, das gekauft und angeliefert wurde sowie Kartoffel- und Gemüseabfälle, die überwiegend im Tausch gegen Brennholz aus der Bevölkerung beschafft wurden ("Brennholz für Kartoffelschalen"): Allein im Ladengeschäft in der Kienitzer Straße wurde die sagenhafte Menge von 10 bis 12 Zentnern Kartoffelschalen täglich eingetauscht. Darüber hinaus holten die Hofmanns regelmäßig die Speiseabfälle von Kantinen ab, beispielsweise auch von denen des Rathauses Neukölln oder des Krankenhauses. Die Speiseabfälle wurden vermust, erhitzt und den Schweinen vorgesetzt, Heu, Kraftfutter und Kartoffelschalen an die Kühe verfüttert. Regelmäßig musste auch der Dung entsorgt werden. Hier waren Kleingärtner und Laubenkolonien dankbare Abnehmer. Ende der 50er Jahre hatte sich das Heu einmal zu sehr erhitzt und selbst entzündet. Das ganze Vieh musste dann – um es vor den Flammen zu retten – in den Priesterweg getrieben werden, der vorne und hinten abgesperrt, vorübergehend als "Freiluftstall" diente. Ein paar ausgebüchste Schweine wurden von freundlichen Anwohnern zurückgebracht. Ein anderes Mal war ein Kalb entlaufen und spazierte die Grenzallee entlang. Auch dieses kleine Abenteuer fand dank eines aufmerksamen Taxifahrers ein gutes Ende und das Kalb wieder nach Hause in den Priesterweg. Die Führung eines viehwirtschaftlichen Betriebs wurde mit der zunehmenden Bebauung und Verdichtung der Umgebung immer schwieriger: Nachbarn fühlten sich durch die Tierhaltung belästigt, die Möglichkeiten, den Betrieb zu erweitern waren stark eingeschränkt. Die wenigen Bauernhöfe, die nach dem Zweiten Weltkrieg noch existierten, gaben nach und nach auf. Immer wieder wurden den Hofmanns Umsiedlungsangebote unterbreitet, denen sie jedoch so lange widerstanden, bis sie den Betrieb aus Alters- und Gesundheitsgründen endgültig aufgaben. | | Luzia Weber |   |
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